Die im Freiraumkonzept aus dem Jahr 2016 (FRK 2016) ermittelten Landschaftsfinger stellen einen wichtigen Baustein des Freiraumsystems der Stadt Lindau dar. In einer Detailplanung zu den Landschaftsfingern wurden die Ziele und Maßnahmen aus dem FRK 2016 im Hinblick auf neue Herausforderungen reflektiert und angepasst.
In einer ergänzenden Analyse zu den Themen Klimaanpassung und Starkregenvorsorge konnte festgestellt werden, dass die Landschaftsfinger neben ihrer Bedeutung für die Gliederung der Stadt, Erholung, Wohn- und Lebensqualität und Biodiversität auch eine hohe Bedeutung für das nächtliche Kaltluftsystem haben. Zudem sind innerhalb der Landschaftsfinger wichtige bioklimatische Entlastungsräume zu finden die auch bei Hitze gut nutzbar sind und Abkühlung bieten. Teilbereiche der Landschaftsfinger besitzen außerdem eine hohe Bedeutung für die Starkregenvorsorge.
Um diese Funktionen weiterhin erfüllen zu können müssen die Landschaftsfinger vor zukünftiger Bebauung geschützt werden. Dazu wird im Konzept untersucht, welche Bereiche bereits unter Schutz stehen und welche Möglichkeiten zum Schutz es ergänzend dazu gibt.
Um eine Erlebbarkeit der Landschaftsfinger zu ermöglichen, wurden die im FRK 2016 entwickelten Freiraumrouten überprüft und mit dem Nahmobilitätskonzept der Stadt abgeglichen und möglichst schnell und einfach umsetzbare Maßnahmen zur Realisierung der Freiraumrouten definiert. Sowohl für das Thema der Vernetzung als auch für das Thema der Entlastung im Bezug auf Klima und Starkregen wurden verortbare Maßnahmen im Stadtgebiet vorgeschlagen.
Als vertiefende Betrachtung wurden exemplarisch drei Lupenräume im Stadtgebiet Lindau ausgesucht. Diese zeigen in Form von Entwurfs- und Detailplanungen auf, wie gut nutzbare, mehrfachcodierte und gestaltete Freiräume mit Aufenthaltsqualität in den Landschaftsfingern aussehen können. Neben den gestalterischen Aspekten flossen auch die Belange der Klimaanpassung, Biodiversität und der nachhaltigen Pflege von Grünflächen in die Entwurfsgedanken ein. Die Auswahl der Lupenräume erfolgte durch ein Arbeitsgremium aus Vertreter*innen und Politik der Stadt Lindau.
Lupenraum Zech im Landschaftsfinger „Am Großen See“, östliches Bodenseeufer, Bereich Max-Halbe-Weg einschl. Sportgelände
Dieser Lupenraum umfasst eine der wenigen öffentlichen Grünflächen auf dem Lindauer Festland, den Bereich um den Max-Halbe- Weg. Zwischen der evangelischen und der katholischen Kirche spannt sich hier ein langgestreckter Grünzug auf. Dieser wurde im Freiraumkonzept von 2016 als Grüner Anger bezeichnet, da er wie ein Dorfanger einen zentralen öffentlichen Raum in der Mitte des Stadtteils Zech bildet. Er ist von hoher Bedeutung für Erholung, Spiel, Aufenthalt und Kommunikation für die Bewohner*innen des Stadtteils. Im Westen grenzt ein großer Sportbereich an. Ein darin befindlicher Hartplatz wird aktuell als Wohnmobilstellplatz genutzt. Diese Nutzung ist angesichts der Nähe zum dicht besiedelten Stadtteil und des Bedarfs an Sport- und Bewegungsangeboten nicht angemessen und soll verlagert werden. Das südlich des Sportbereichs angrenzende Gewerbegebiet Zechwaldareal (ehemaliges Kunertareal) soll umstrukturiert und zu einem Gebiet mit gemischter Nutzung entwickelt werden. Dies stärkt die Bedeutung des „Grünen Angers als zentraler Freiraum und eröffnet Möglichkeiten zur Umstrukturierung des Sportareals.
Lupenraum Hoyerberg im Landschaftsfinger „Berg und Tal“, Hoyerberg Schlössle über das Bismarck-Denkmal bis zum Torggel
Der Hoyerberg ist als attraktiver Aussichtspunkt mit Blick über Stadt und See aber auch in das reizvolle Inland mit Drumlins und Obstplantagen ein Erholungsraum von stadtweiter Bedeutung. Das unter Denkmalschutz stehende Ensemble aus Hoyerbergschlössle, dem Bismarckdenkmal und dem Wein-Torggel am Fuße des Hoyerbergs zusammen mit den naturschutzfachlich hochwertigen Extensiv- und Streuobstwiesen bietet sich dazu an, Bewohner- und Besucher*innen der Stadt auf den Festlandteil der Insel aufmerksam zu machen und die Erholungsnutzung an dieser Stelle weiter zu stärken. Ein städtischer Weinberg soll an dieser Stelle eine für Lindau historisch bedeutsame Landnutzung wiederbeleben. Dabei ist die Bedeutung des als Landschaftsschutzgebiet ausgewiesenen Raums für Natur und Landschaft zu beachten und beide Belange sind verträglich zu kombinieren. Dazu fanden im Vorfeld der Entwurfsplanung intensive Abstimmungen mit der unteren Naturschutzbehörde statt.
Lupenraum Aeschach im Landschaftsfinger „Von Drumlin zu Drumlin“, Bereich Villa Engel/ Christuskirche/ Schloss Moos
Der Stadtteil Aeschach ist einer der bevölkerungsreichsten und am dichtesten besiedelten Teile der Stadt Lindau auf dem Festland. Für alle Bewohner*innen nutzbare öffentlich Grünflächen fehlen weitgehend. Zwischen Christuskirche, Villa Engel und Schloss Moos liegen städtische Grünflächen, die aktuell aber schlecht zugänglich und kaum nutzbar sind. Hier besteht die Chance das Defizit an öffentlichen Grünflächen für Aeschach zu verringern und nutzbare öffentliche Grünflächen mit Angeboten für Aufenthalt, Spiel und Bewegung zu gestalten. Diese können aufgrund des dichten alten Baumbestands gleichzeitig als sogenannter bioklimatischer Entlastungsraum im Sinne der Klimaanpassung dienen. Bioklimatische Entlastungsräume sind bei Hitze tagsüber kühle und öffentlich zugängliche Freiräume in fußläufiger Entfernung zu verdichteten und hitzebelasteten Stadtteilen. Es sind in der Regel durch Bäume verschattete Grünflächen oder stadtnahe Wälder.